Vergessene Techniken: Das Zeichnen mit Feder und Tinte


Wir haben uns ein Stück weit daran gewöhnt: Wir zeichnen mit Stiften und schreiben mit Tinte. Dass man aber auch mit Tinte zeichnen kann und dass solche Techniken in der Vergangenheit breiten Raum eingenommen haben, kommt uns heute nur noch selten zu Bewusstsein.
Johann Wolfgang Goethe:
Mondbeschwörung
Sepiazeichnung
In den Zeiten vor der Erfindung der Kamera war die Technik der Abbildung durch Zeichnen hoch entwickelt. Wer immer halbwegs Talent und Zeit besaß, übte sich darin. Goethe zeichnete sehr flott und nicht untalentiert, und er benutzte zu diesem Zweck das gleiche Werkzeugs wie zum Schreiben:
Die Gänsefeder.

Das war ein höchst alltägliches Material, in Fülle vorhanden, da die Hausfrau die ungerupfte Gans vom Markt holte, selbst wenn sie, wie die Goethes, in der Stadt lebte. Die Federkiele wurden gereinigt, durch Erwärmen und Abreiben entfettet; die Daune wurde entfernt, die Fahne nach Bedarf gekürzt, -- man legte wenig Wert auf ihre dekorative Wirkung, sondern betrachtete das Thema praktisch -- und mit einem kleinen, scharfen Federmesser zu schreibfähigen Spitzen geschnitten.
Die Feder wurde gestutzt -- auf dekorative Wirkung kam es nicht an.
Wer dieses Werkzeug für die Kalligrafie oder zum Zeichnen verwenden möchte, der hole sich am besten gleich eine ganze Anzahl solcher Kiele, um sie munter zerschnippeln zu können, denn eine gute Schreibfeder zu schneiden verlangt Übung. Noch ein paar Tricks: Machen Sie die Spitze nicht zu lang und schmal, da die wasserhaltigen Tinten das Horn aufweichen. Es gibt einen optimalen Winkel, in dem die Spitze zulaufen kann.
Federkiele und Stahlfedern
Wichtig: Verschaffen Sie sich eine schräge Schreibplatte mit einer Neigung von ca 30%. Der flache Tisch ist ungeeignet. Sie werden sonst nur Kleckse produzieren, und dann kommt schon wieder nichts mehr aus der Feder. Es hat mit der Wirkung der Schwerkraft auf die Tinte zu tun, denn wenn die Feder zu steil steht, fällt die Tinte, anstatt zu rinnen. Der Tintenfluss funktioniert nur am Schrägpult in der gewünschten Weise. Für das Ablöschen des Geschriebenen hatte der Schreiber bis ins 19. Jh. eine Streusandbüchse, der feine Sand nahm überschüssige Tinte auf, ohne die Schrift allzusehr durch Verwischen zu gefährden. Später löste das Löschblatt die Sandbüchse ab. Die gesamte klassische Literatur, der Faust, Schillers Dramen, eine Fülle von Romanen und Gedichten wurden mit diesem nicht ganz leicht zu verwendenden Werkzeug geschrieben. Eine Gedenkminute für diese Kulturleistung! Danke.
Haben Sie Lust, mit der Gänsefeder zu zeichnen und zu schreiben? Machen Sie sich doch einmal die Mühe. Sie erleben Effekte und Möglichkeiten, die keine Stahlfeder nachvollziehen kann.
Stahlfedern. Wir bieten sie in allen
Stärken und Ausführungen an.
Die Stahlfeder. Sie wurde um die Mitte des 18. Jh. erfunden, verdrängte aber den Federkiel nur langsam, vielleicht, weil sie von der gebräuchlichen Eisengallustinte angegriffen wurde. Nach und nach löste sie im 19.Jh. in allen Kontoren den Federkiel ab. Das war kein Wunder, denn die Zeit, die das Schneiden von Federn kostet, erspart sie dem Schreiber. Stahlfedern bieten wir auch heute noch in allen Formen an, stahlblau, goldfarben, verkupfert. Stahlfedern schreiben in vielen Breiten und Härten, manche erlauben einen an- und abschwellenden Strich, andere einen doppelten.
Am Wittumspalais -
Woldemar Graf von Reichenbach -
Federzeichnung 1880
Die Zeichner griffen sogleich nach ihr und fertigten damit Skizzen und Vorstudien für Gemälde oder für Kupferstiche, deren Charakter den Federzeichnungen sehr ähnlich ist. Dunklere Flächen wurden durch Kreuzschraffuren hergestellt, alles musste linear gelöst werden, was bis etwa 1900 bis zur Perfektion entwickelt war.

Und dann gibt es auch noch die Rohrfeder. Sie war das Schreibgerät des Orient von der Türkei bis nach Tibet. Wir bieten Rohrfedern aus Bambus an, die Sie nach eigenem Geschmack nachschneiden können, dazu eignen sich Cutter oder gut geschliffene Taschenmesser. Die Rohrfeder, die Sie auch aus kräftigem und gut getrocknetem Schilfrohr schneiden können, hat einen kraftvollen, kompromisslosen Strich und war bei den Expressionisten beliebt, die ausdrucksvolle Zeichnungen damit schufen.
Rohrfederzeichnung von
Vincent van Gogh
Und selbstverständlich erhalten Sie bei uns auch eine große Auswahl an Tinten und Tuschen, die für Zeichnung, Kalligrafie und Grafik geeignet sind. Und jedes dieser Fabrikate wird in einer breiten Farbpalette angeboten.
Neben Gänsefeder und Rohrfeder aus Bambus abgebildet:
Glasfedern und spezielle Kalligraphieschreiber für
große Breitenunterschiede im Strich
Hilfen für den Umgang mit dem Gänsekiel und anderen
Antike Tintenrezepte

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