Freitag, 17. Mai 2013

Farbe der Woche: Sepia, Bister und andere Zeichentuschen


Sepiazeichnung von Rembrandt
(1606-1669)
Sepia war ursprünglich eine Absonderung von Tintenfischen und Kraken, die eine schwärzliche Substanz benutzen, um bei Gefahr eine Wolke um sich zu erzeugen, die dem Verfolger die Sicht nimmt. Bis ins 19. Jh. entnahm man frisch gefangenen Tintenfischen den Beutel mit dieser Tinte und fertigte daraus eine bräunlich-schwarze Farbe zum Malen und Schreiben. 
Seit Jahrhunderten war auch Bister in Gebrauch, das ist eine Lösung von Holzruß, der in Verdünnung verschiedene Schattierungen von Braunschwarz aufweist, je nach Holzart und Behandlung.
Schloss Arenenberg von Westen.
Sepiazeichnung von
Hortense de Beauharnais, um 1816
Beide Substanzen erlaubten eine große Spannweite von zartesten Schattierungen bis zum dramatischen Schwarzbraun.

Es war eine Frage der Ökonomie, wenn viele Ansichten von Orten, Städten und Landschaften mit solchen unbunten Malmitteln angefertigt wurden. Buntpigmente waren sehr viel teurer, sie waren auch noch nicht in bequemen Packungen verfügbar, die das Malen auf Reisen einfach machen. Zugleich waren „Veduten“, Ansichten der Reiseziele, umso begehrter, da Reisen noch einsame Höhepunkte im Leben der Menschen waren.
Sir Joshua Reynolds (1723-1792),
spielende Kinder
, Bister
Wer überhaupt reiste, tat das meist wenige Male im Leben. Goethes Reise nach Italien dauerte zwanzig Monate, aber es blieb die einzige zu diesem Ziel. Wenn man die Postkutsche benutzte, blieb das Gepäck überschaubar, und wann immer die Künstler Skizzen anfertigten, benutzten sie die preisgünstigsten und am einfachsten zu beschaffenden Mittel.

Man führte die Linien mit der Feder aus und „lavierte“, sprich, verwusch die Schattierungen mit dem Pinsel und verdünnter Farbe. Hierbei bot sich Sepia oder Bister, die Rußtinte, für die malerischen Sujets an. 
Reibsteine mit und ohne Gießtülle, Dose mit
Tuscheblöcken, daneben ein Wassertropfer,
Pinsel, Tuschproben
Das dritte Malmaterial aus dieser Gruppe ist die Chinatusche. Auch sie wird aus Ruß hergestellt, der durch verschiedene Verarbeitungsprozesse verfeinert wird. Man presst ihn zu Blöcken, die aromatisiert mit Patchouli und versehen mit eingeprägten und oft vergoldeten Schriftzeichen oder Bildern in den Handel kommen. Das Auflösen dieser Tusche geschieht durch Reiben auf einem Schiefertiegel. Mit etwas Regenwasser oder gekochtem Wasser wird der Tuschblock auf dem Reibstein angerieben, bis die erzeugte Farbe eine leicht angedickte Konsistenz erhält und einen leicht öligen Schimmer zeigt. Von diesem Stadium aus, das tiefe Schwärzen erzeugt, kann die Tinte zu zartesten Grauschattierungen verdünnt werden. Es ist zu empfehlen, dass Sie zuerst eine etwas dickere Konsistenz anrühren, auch wenn es ein wenig Zeit kostet, denn die Qualität der schwach angeriebenen Tinte reicht oft nicht aus. Chinatusche in Blöcken fließt praktisch nicht aus der Feder, sie wird ausschließlich mit dem Pinsel verteilt.
Chinatuschbild aus dem 18. Jh.
Wenn man einmal angefangen hat, mit chinesischer Tusche zu malen, wird man feststellen, dass auch gute schwarze Aquarellfarbe ihr nicht gleichkommt. Das tiefe, samtige Schwarz und die äußerst fein abgestimmten Graustufen übertreffen das, was man mit Aquarellfarben erreichen kann. Und man ist durchaus nicht gezwungen, im chinesischen Stil zu malen.
Inzwischen gibt es auch Chinatusche in der Flasche, die der Anforderung für Federzeichnungen angepasst ist.
Selbstverständlich können Sie bei uns Chinatusche, Reibsteine und chinesische Kalligraphiepinsel bekommen. Mit original Tintenfisch-Sepia und Holzkohlentinte ist es allerdings etwas schwieriger. Die Aquarellfarben Elfenbeinschwarz (aus Tierknochenkohle) und Lampenschwarz (aus Ruß) sowie die dunklen Brauntöne Kasslerbraun und Van-Dyck-Braun beruhen heute nicht mehr allein auf Kohlenstoff-Derivaten. Teils waren sie auch deshalb in der Vergangenheit instabil; Bitumen tendiert dazu, auch später im Bild unkontrollierbare Wanderungen zu unternehmen und wird deshalb nicht mehr in Malfarben verwendet. Ruß ist immer noch ein wichtiger Grundstoff der dunklen Farbtöne, aber auch aus lichtechten Buntfarben chemischer Herkunft werden Brauntöne zusammengesetzt, die die alten Naturstoffe an Lichtechtheit übertreffen.
Als Buntstift werden von Faber Castell die Farbtöne Sepia und Bister angeboten, natürlich handelt es sich auch hier um moderne, deutlich braun getönte Nachschaffungen der traditionellen Farbtöne.
Japanische und chinesische Tusche
Chinatusche erhalten Sie bei uns allerdings original, also in der Form, wie sie im Fernen Osten seit vielen Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden beliebt und geschätzt ist. Und auch die Tuschen von Rohrer & Klingner, die Sie bei uns finden, sind sehr nah an den traditionellen Tinten, was den optischen Eindruck betrifft.
Über traditionelle Zeichentechniken mit der Feder finden Sie hier mehr.

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