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Purgier-Kreuzdorn (Rhamnus catharticus) |
Nachdem wir nun so lange von traditionellen Farben gesprochen haben, möchte ich Ihnen heute ein paar ungewohnte Farbtöne vorstellen, die von einer Veränderung der Sehgewohnheiten in der Kunst Zeugnis ablegen. Bezeichnungen werden oft geändert, Pigmente werden laufend verbessert. Es lohnt sich, bei allen Herstellern nach neuen Produkten Ausschau zu halten, man kann wunderschöne Entdeckungen machen. Ich stelle heute einige wenige davon vor. Sie ersetzen alte Pigmente -- oder sie bereichern die Palette durch Neuheiten.
Goldgrün: Edler Farbton mit unedlem Namen

Könnte
man sagen, ein Modepigment? Das sehe ich nicht so; vielmehr musste in
den Skalen der Platz des Pigments "Stil de Grain" ausgefüllt werden, ein
lasierendes Gelbbraun mit einem Grünstich oder rötlichen Braunstich --
"Stil de Grain vert" oder "Stil de Grain brun". Diese Farbe wurde aus
frischen Früchten des Purgier-Kreuzdorns (Rhamnus catharticus)
hergestellt, inzwischen ist sie als Originalpigment nicht mehr
verfügbar. Der Strauch liefert auch ein Abführmittel.
Der Farbton war in der Landschaftsmalerei unentbehrlich. Das neue
Goldgrün oder Grüngold, je nach Anbieter, nimmt seinen Platz recht gut
ein und zeigt sich vielseitig durch seine Transparenz, die es in dünnem
Auftrag als strahlendes Zitron und im dickeren Auftrag als Olivton
erscheinen lässt. "Azo-Nickel-Komplex mit Ruß" ist die
Herstellerbeschreibung für das Rezept.
Quinacridon: Knallige Farben aus der Retorte
Problem oder Vorteil? Ein richtiges Shocking Pink ist in den Malkästen vor der Übernahme der Quinacridon-Verbindungen nicht vorhanden gewesen. Die Vorläufer des Impressionismus und die Impressionisten befreiten die Maler von dem Zwang, Farben gebrochen zu verwenden, und erst recht die Fauves strebten nach einem Ausbrechen aus den gedeckten Tönen der akademischen Malerei. Sie hatten bereits leuchtende Töne zur Verfügung, und sie steigerten sie so sehr, dass sie sich Hohn und Spott der Zeitgenossen gefallen lassen mussten. Zinnoberrot, Chromoxydgrün feurig oder Indischgelb, die Palette war schon recht kraftvoll, erst recht, wenn man sie mit dem ruhigen, gedeckten Kolorit vergleicht, das das Publikum gewöhnt war. Selbst zwischen den frühen Bilder eines Auguste Renoir, den wir schon zu den Impressionisten rechnen, und der klassischen Moderne liegt ein großer Schritt in der Behandlung der Farbe.
Aber als wäre das noch nicht bunt genug, griff die Pop-Art in den frühen Sechzigerjahren des 20. Jh. in die Kiste mit dem Pink. Jetzt war eine Grenze überschritten. Wiewohl Shocking Pink technisch seit den Dreißigerjahren machbar war -- denn die Quinacridon-Synthese war 1935 gelungen --, schrecken viele Künstler bis heute davor zurück, es in ihren Bildern auftauchen zu lassen, während kleine Mädchen mit diesem Farbton in Plastik und Textil hemmungslos ihre Welt gestalten.
Winsor&Newton haben die Konsequenz gezogen, sie bieten einige sehr
reine Magenta-/Pink-/Rosenrottöne an, die leuchtendste unter der
Bezeichnung "Opernrosa". Mein Scanner war so geschockt, dass ich die
Probe nachbearbeiten musste. Das Theatralische dieser Farbe wird
wahrscheinlich von vielen Freunden der klassischen Malerei als
"kitschig" angesehen. Es wird für Blumenmalerei angeboten, und in der
Tat schrecken Bauernrosen und Alpenveilchen ja vor nichts zurück. Aber
wem das zu krass ist, der kann das Bild in die Sonne hängen, das
Opernrosa gibt dann ein wenig nach.
Der bedeutendste deutsche
Hersteller für Aquarellfarben bietet ein Magenta und ein Rotviolett aus
der Quinacridon-Skala an; sie sind ein wenig gedeckter als die in
Großbritannien hergestellten Entsprechungen.
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Zwei Rotviolett-Töne aus der Skala von Schmincke Horadam |
Magenta, Purpur und die Grundfarben
Die Zurückhaltung gegenüber Shocking Pink geht so weit, dass bis heute die Pädagogen zu Malkästen raten, in denen es nicht enthalten ist. Ein zäher Kampf scheint da zwischen den Endverbraucherinnen und ihren Erziehern zu toben. Und auch bei den Kunstlehrern ist der Aberglaube unausrottbar, Blau, Rot und Gelb seien Grundfarben. Dabei kann jeder selber ausprobieren, dass das Violett, das man aus Rot und Blau ermischen kann, ein Trauerspiel ist. Die Drucker wissen es schon lange: Nur aus Magenta, wie das Pink in der Drucktechnik heißt, kann man ein reines, strahlendes Violett ermischen, mit Karminrot oder gar Zinnoberrot ist das im Leben nicht möglich.
Das aus Zinnoberrot ermischte "Violett" ist ein schmutziges Braunviolett, mit Karmin klappt es nicht wirklich, nur das Magenta ist die Gewähr für ein brauchbares Ergebnis. Gegenprobe: Magenta plus Gelb bewirkt ein recht passables Rot.
Perylen: Die Schönheit aus der Grube
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Perylenviolett |
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Purple Lake |
Ein weiterer Lieferant interessanter Pigmente ist ein Bestandteil von Teerkohle. Es wurde zum ersten Mal 1919 isoliert, aber die Farbstoffe daraus sind neuerer Herkunft. Winsor&Newton macht daraus ein hinreißendes Aubergine, das Perylene Violet. Das Perylene Maroon ist ein wunderbar warmer, rotbrauner Transparentton, ähnlich sieht das Purple Lake aus.
Rose Carthame, Safflor: Die stachelige Schöne
Aus der Färberdistel wurde ursprünglich ein Rosarot gewonnen, das im intensiven Auftrag orangerot und in der Verdünnung zart pink aussah. Leider ist dieser Farbton anscheinend nicht mehr erhältlich. Einen passenden Ersatz bietet Winsor&Newton zwar an, aber er kommt nicht an das Original heran.
Die nachstehende Probe ist eine Rekonstruktion aus der Erinnerung.
Horadam von Schmincke bei Gerstäcker
Farbkarte von Winsor&Newton, auf diesen Proben als W&N bezeichnet.