Montag, 3. Juni 2013

Farbe der Woche: Rötel und andere Kreiden

Rötelzeichnungen des französischen Kunsttischlers André Charles Boulle, 
um 1720–1730

Jean Etienne Liotard,
"Türkische Dame und ihre Dienerin",

ca. 1740


Rötel

Rote Erden waren während der gesamten Menschheitsgeschichte ein billiges und beliebtes Mittel, mit dem der Mensch seiner Umgebung und sich selber Farbe verlieh. Im alten Rom und Pompeji zeichnete man vielfach mit Rot direkt auf die Wände, teils als Vorzeichnung für die Wandmalerei, teils ließ man die Zeichnungen und Beschriftungen in dieser Form stehen.
Rötel ist ein in Brocken verfügbares  Erdpigment, Hämatit in Tonerde, durch Grabungen gefunden, u.a. im Saarland. Hier finden Sie eine große Zahl von Bildern.
Rötel wurde in Form von länglichen Stücken benutzt und war wegen seinem kräftigen, warmen Farbton Standardmaterial für Skizzen und Zeichnungen.
Es handelt sich um ein leicht fettiges Material (anders als der heute im Handel erhältliche Rötel) mit erdig-kreidigem Strich. Er war seit der Antike als Skizzenstift sehr beliebt.
Rötel- und Kreidezeichnung 
aus der Werkstatt Holbeins,
vermutlich Ann Boleyn darstellend, 
eine der Gattinnen Heinrichs VIII


 
Viele Künstler vergangener Jahrhunderte fertigten Kreide- oder Rötelzeichnungen auf getönten Papieren an. Wenn man hier mit weißer Kreide Lichter aufsetzt, also "höht", dann entsteht mit wenig Arbeitsaufwand, fast von selber, eine Tiefe, die von Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien und vielen anderen Zeichnern effektvoll genutzt wurde.

Mit farbigen Kreiden wurde schon lange skizziert, doch galt eine solche Arbeit nur als Vorstudie, nicht als eigenständiges Kunstwerk. Die Palette war beschränkt, aber das war für die Anwendung in Skizzen kein Nachteil. Hier kam es darauf an, preisgünstige Mittel zu verwenden, so wie wir es schon im Kapitel über Bister und Sepia hörten. Auch schätzten reisende Künstler den praktischen Wert und die leichte Beschaffbarkeit solcher Farben. Von Leonardo da Vinci sind uns zahlreiche Skizzen in Rötel erhalten geblieben, die bei ihm möglicherweise mehr bedeuteten als nur Vorzeichnungen.

Die Porträts, die Holbein von den Frauen Heinrichs VIII anfertigte, die charmanten Zeichnungen des Rokoko, auf denen Jean-Etienne Liotard elf Kinder der österreichischen Kaiserin Maria-Theresia festgehalten hat, zeigen: Kreiden und Rötel sind das gegebene Mittel für Porträts, weil sich ebenso zarte Schattierungen durch Verwischen anlegen lassen, wie auch die schwarze Kreide kräftige Pupillen zu zeichnen erlaubt.

Jean-Étienne Liotard (1702--1789), Porträt
der jugendlichen Marie-Antoinette
Auch beim Aktzeichnen ermöglicht die Kombination von Rötel und schwarzer oder brauner Kreide ebenso einen sicheren Strich wie weich modellierende Schatten. Bis in die heutige Zeit stehen den Künstlern Kreiden, Kohle und Rötel für ihre Naturstudien zur Verfügung.

Zeichenkohle und schwarze Kreide

Kohle ist der einfachste Stoff für Zeichenstifte. Wir bieten Zeichenkohle an, sorgfältig und langsam verkohlte Holzstäbe, ein sehr natürliches und ursprüngliches Material. Kohlezeichnungen müssen unbedingt fixiert werden, aber der Vorteil ist die Möglichkeit, großzügig und spontan im großen Stil skizzieren zu können. Heute können wir uns auf Fixiersprays stützen, etwas ursprünglicher ist das flüssige Fixativ, das mit einem rechtwinkligen Blasröhrchen auf das Papier aufgebracht wird -- preisgünstiger als Sprays, aber schwerer zu handhaben. Für das Aktzeichnen vor dem lebenden Modell ist Zeichenkohle eines der klassischen Mittel. Sie behauptet sich auch deshalb gegenüber dem Bleistift, weil die Graphitmine einen Glanz aufweist, der bei der Reproduktion stört und immer ein wenig grau statt tiefschwarz aussieht. Ebenso charaktervoll wie Kohle und im Schwarz noch intensiver ist Kreide. Sie erhalten bei uns eine feste Kreide in Vierkant-Stangen, die aus rotem, braunem oder schwarzem Pigment bester Qualität gefertigt ist. Auch als Buntstift können Sie die Farben erhalten, mit denen Sie die Techniken und Arbeitsweise der Künstler vergangener Jahrhunderte nachvollziehen können.
Aber das ist schon wieder ein anderes Kapitel.

Schwarze Zeichenkreiden, Holzhalter
Rötelähnliche Buntstifte

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